Gaiser Blettli, Mo 22. März 04
Zigeunermusik in vielen Facetten

«Irina & Gadjos» in der «Göbsimühle» in Bühler

Textfeld:   Temperamentvoll spielten und sangen Irina, Christoph Habegger (links) und Jürg Walter.    BÜHLER. Ihre Zigeuner-Wur­zeln kann Irina nicht verleug­nen. Musik und Sprache der Roma liegen ihr im Blut und prägen die Auftritte der Dreierformation Irina & Gadjos temperament voll und nachhaltig.

ROSMARIE LUTZ

Gadjos heisst in der Sprache der Fahrenden «die Sesshaften». Vielleicht haben die Gadjos gerade diesen Namen gewählt, weil die drei - Irina, Gesang, Christoph Habegger, Geige, und Jürg Walter, Akkordeon - in Bern ansässig sind. Seit vier Jahren treten sie zusammen auf. Seither sind osteuropäische Klänge wie Sinto-Jazz und romantische Balla­den der Roma, aber auch Piaf und Armstrong fester Bestandteil ihres Programms.

Kreolen und erdige Stimme

Angelehnt an die ungarische Zigeunertradition singt Irina in Russisch oder Romanes, der Spra­che der Fahrenden. Nicht nur das Feuer in ihrer Stimme, die vollen Lippen, das dunkle Haar oder die grossen Silber-Kreolen im Ohr lassen Wurzeln erahnen: Die raue, erdige Stimme erzählt Liebeslieder und Geschichten des Lebens. Die Geige weist den Weg, gibt den Rhythmus, lässt freudig hüpfen oder weinerlich mitfühlen. Auf den Knien liegend, kann sie gezupft und angeschlagen zum Banjo werden und polyrhythmisch sowie spielerisch quer durch die Welt reisen. Flinke Finger tanzen über die weiss-schwarzen Tasten des Akkordeons, das nicht fehlen darf, weder in der Zi­geunerkapelle noch im französi­schen Nachtleben, das ohne Piaf nicht sein kann und das Irina mit ihrer starken Stimme und rollen­dem «R» aufleben lässt. Begonnen hat Irina mit Blues und Gospel, Jazz ist ihr nah und so reist die Band mit den Zuhörern auch ins alte New-Orleans zu Armstrong. Zwischendurch versucht Irina im­mer mal wieder, darauf hinzuweisen, dass nicht nur CDs, sondern auch die flaumweiche Handtasche und handgestrickte Wollsocken - von Grossmütterchens Hand in Russland gefertigt - auf Käufer warten. Sympathisch der osteuropäische Akzent, der Char­me der kraftvollen, typischen Schritte im glänzenden, langen Rock und engen Samtshirt.

Doch keine Socken

Irgendwann, gegen Ende des Konzerts, löst sich das brüchige Deutsch in makelloses «Berndütsch» auf. Die Socken gibt es nun doch nicht, aber die Wurzeln und das Temperament sind geblieben. «Mein Vater wurde mit zwölf von seiner Familie getrennt und als Verdingbub ins Emmen­tal gebracht. Die Herkunft unserer Familie ist nicht völlig klar, aber für mich war er ein Zigeuner. Ich spüre, dass dieses Blut fliesst», erzählt Irina nach dem Konzert. Das Schicksal der Zigeuner beschäftigt sie. Sie hat ihre Sprache und ihre Art zu leben kennen gelernt. «Die Roma werden immer mehr an den Rand der Gesellschaft gedrückt», meint sie, «bald wird es sie nicht mehr geben.»